Sonntag, 7. Februar 2016

Im Dickicht

Als Gregor bei dem kleinen Birkenwald ankam, hielt er an und stieg vom Fahrrad. Er blickte kurz den Weg entlang, der an den Bäumen vorbei durch die Wiese führte. Es war nur noch eine kurze Fahrt. Gregor wollte nicht weiter. Er holte das Handy aus seiner Jackentasche, es war kurz vor fünf. Ich habe noch Zeit. Er musste erst um sechs zuhause sein. Nachdenklich hielt er das Telefon in der Hand. Soll ich ihn anrufen? Wir sehen uns sowieso morgen in der Schule. Wollte er Simon überhaupt morgen sehen? Verwirrt steckte er das Handy wieder weg. Einen Augenblick stand er einfach nur da. Dann ließ er das Fahrrad gegen einen der Bäume fallen und ging vom Weg herunter, hinein in das Dickicht.

© Pirandîl
Schon nach wenigen Schritten war er ringsum von kahlen, schlanken Birken umgeben. Im Sommer war hier ein Durchkommen kaum möglich, so dicht standen die Bäume beieinander, aber jetzt im Oktober waren die Zweige nackt. Das Gras auf dem Boden war trocken, es hatte schon seit Tagen nicht mehr geregnet. Der Wind, der vom Meer her kam, ließ die Halme rascheln. Gregor ging noch einige Schritte weiter, dann blieb er stehen. Unschlüssig zog er das Handy erneut aus der Tasche – und steckte es wieder ein. Das ist doch Unsinn! Er stieß ein wütendes Schnauben aus, dann beruhigte er sich. Er sah sich um, nun war er mitten im Dickicht. Er schloss die Augen und atmete die kalte Luft tief ein. Dann öffnete er die Augen wieder: Überall nur Birken und Gras, der Weg ist nicht mehr zu sehen – hier gibt es keine Wege. Gregor lehnte sich gegen einen Baumstamm und zog wieder das Handy heraus. Schnell hatte er sich im Menü bis zu Simons Nummer durchgeklickt, er rief ihn dann aber doch nicht an. Er würde ihn ja morgen in der Schule sehen. Heute hatten sie sich auch in der Schule gesehen und es war wie immer gewesen. Sie hatten im Deutschunterricht heimlich geschwätzt, bis sie vom Lehrer erwischt worden waren. Später in der Pause hatten sie sich über Julia lustig gemacht. Es war immer gut, Julia zu dissen. Am Ende der Pause hatten sie dann ausgemacht, dass Gregor nach der Schule mit zu Simon ging. Sie besuchten einander oft nach der Schule. Das Dorf in dem Simon wohnte lag nahe bei Gregors Dorf. Sie gingen beide auf das Gymnasium in Oldenburg und fuhren darum beide jeden Morgen den gleichen Weg mit dem Fahrrad. Bei Simon hatten sie dann das Übliche gemacht. Sie hatten Musik gehört, ein Computerspiel gezockt und im Internet gesurft. Gregor wusste gar nicht mehr, wie es dazu gekommen war, dass sie angefangen hatten, sich zu balgen. Natürlich nicht im Ernst, nur im Spaß. Sie waren ja in Simons Zimmer gewesen, es hatte sie ja keiner gesehen. Wer von beiden dann damit angefangen hatte, sich am anderen zu reiben – Gregor wusste es nicht. Aber schließlich hatten sie sich nicht mehr gebalgt. Gregor hatte mit dem Rücken auf dem Boden in Simons Zimmer gelegen, Simon war über ihm gewesen und hatte seinen Schoß an Gregors Schoß gerieben. Es hatte nicht lange gedauert, sie waren beide schnell fertig gewesen, doch das war es nicht. Gregor blickte immer noch auf das Handydisplay, das Simons Nummer anzeigte, aber er wählte sie nicht. Nachdem sie beide fertig gewesen waren, hatte keiner von beiden ein Wort gesagt. Wie erstarrt hatten sie dagelegen, Gregor auf dem Rücken und Simon über ihm kauernd. Irgendwann hatte sich dann Simon zu Gregor herunter gebeugt und ihn auf den Mund geküsst. Danach war Gregor gegangen.

Er stand immer noch reglos zwischen den Bäumen, im Dickicht, und hielt das Telefon in der Hand. Und wenn ich Simon anrufe, was sage ich dann? Dass es mir gefallen hat?

Die Kurzgeschichte „Im Dickicht“ ist eine von sieben Geschichten, die ich unter dem Titel » Graustufen zusammengefasst habe, und die ich nach und nach hier in meinem Blog veröffentliche.

„Im Dickicht“ wurde vor längerer Zeit schon einmal in meinem Blog gepostet, doch der Eintrag wurde irgendwann versehentlich von mir gelöscht. Ich veröffentliche den Text nun erneut, denn er ist eine frühere Variante des Sujets, das auch in meiner Kurzgeschichte » Zwei Voyeure in Bockenheim thematisiert wird, die ich am 24. Januar hier in diesem Blog veröffentlicht habe.

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