Mittwoch, 28. Mai 2014

Zur Diskussion: „Nur noch Analphabeten“

In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom 25. Mai 2014 vertritt der Autor Markus Günther eine steile These: Er prophezeit eine Zukunft voller Analphabeten. Ich möchte seine Gedanken hier gerne zur Diskussion stellen.

Dies vorneweg: Ich kann leider keinen Link auf den Artikel von Markus Günther setzen, da dieser (leider!) nicht online gestellt wurde. Ich will seine Argumentation darum kurz nachzeichnen. Seine These ist im Vorspann des Artikels klar formuliert. Er schreibt:

Die Welt von morgen braucht keine Menschen mehr, die lesen oder schreiben können. Das Ende der Schriftkultur hat längst begonnen.

Für den Niedergang der Alphabetisierung macht Markus Günther die immer weiter ausgreifende Verbreitung von audiovisuellen Medien (Computer, Tablets, Smartphones) verantwortlich. Obwohl – wie er zugibt – dank SMS und E-Mail noch nie so viel geschrieben wurde wie heute, ist angeblich das Ende der flächendeckenden Alphabetisierung längst eingeläutet. Die neuesten technischen Entwicklungen sind hier für Günthers Argumentation zentral: Smartphones sind heute schon in der Lage, das gesprochene Wort aufzunehmen und z.B. in eine SMS zu transferieren. Genauso können Smartphones dem Nutzer auch eine SMS laut vorlesen, das Lesen und Schreiben ist also theoretisch heute schon überflüssig – und diese Technik steckt erst in den Kinderschuhen, wird aber bald ausgereift sein. Lehrfilme, wie sie auf Youtube zuhauf zu finden sind, dienen Markus Günther als weiteres Beispiel.

Daneben macht der FAS-Autor einen weiteren Faktor ausfindig, der den Niedergang der flächendeckenden Alphabetisierung angeblich begünstigt: der Kapitalismus (ja, Markus Günther nimmt tatsächlich dieses Wort in den Mund). In dem Artikels heißt es:

Man muss weder Marxist noch Volkswirt sein, um zu verstehen, dass der Kapitalismus an gebildeten Menschen kein Interesse haben kann. Er bemisst die Qualifikation der Menschen funktional und nicht kulturell.

Zwar wird der Kapitalismus, so Günther, auch weiterhin gebildete Eliten brauchen, die des Lesens und Schreibens kundig sind, doch diesen Eliten wird eine breite Masse von Analphabeten gegenüber stehen, die nur noch in der Lage sind, Bild-Symbole auf Monitoren zu entziffern bzw. Videos zu konsumieren, da dies für deren Tätigkeiten in der Alltags- und Arbeitswelt absolut ausreichend sein wird. Markus Günther dazu wörtlich:

Der Schritt in eine Welt, in der es hochqualifizierte Eliten und eine mangelhaft qualifizierte Masse gibt, ist ein Schritt in die Zukunft (...).

Da der Kapitalismus dank des technischen Fortschritts bald keine alphabetisierte Masse mehr braucht, so die Konsequenz laut Markus Günther, wird sich der Lehr-Kanon der Schulen dem irgendwann anpassen, der Unterricht im Lesen und Schreiben wird zurückgefahren oder eingestellt werden – und das wird das Ende der flächendeckenden Alphabetisierung sein (Günther, Markus: „Nur noch Analphabeten“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung – FAS, 25. Mai 2014, S. 2).

Soweit in aller Kürze die Argumentation des FAS-Autors Markus Günther. Sein Artikel ist sicher bewusst zugespitzt und ohne jeden Zweifel voller Kulturpessimismus. Steht uns wirklich eine derartige „Schöne neue Welt“ bevor? Ich habe daran meine Zweifel. Sicher, ganz von der Hand zu weisen ist Markus Günthers Darlegung nicht. Der Kapitalismus hat tatsächlich ein natürliches Interesse an einer möglichst ungebildeten (und dennoch im Produktionsprozess funktionierenden) Masse. Ein böser Geist könnte die aktuellen Tendenzen im deutschen Bildungswesen hin zu einer Verschulung der Universitäten und der stärkeren Gewichtung der Naturwissenschaften gegenüber den Geisteswissenschaften als einen ersten Schritt in genau diese Richtung ansehen (nicht mehr Bildung, sondern Wissensvermittlung lautet die Devise). Sicherlich richtig ist auch, dass die voranschreitende Digitalisierung der Arbeits- und Lebenswelt die Schriftkultur bereits zurückgedrängt hat und auch weiter zurückdrängen wird. Dennoch, die Zukunftsvision des Markus Günther wird so nicht kommen. Die Zeitungen werden nicht aussterben und auch nicht die Bücher. Fraglich ist nur, ob sie in Zukunft wirklich noch auf Papier gedruckt werden? Tatsächlich vermute ich, dass auch Markus Günther selbst nicht an das Eintreten seiner Dystopie (=Anti-Utopie) glaubt. Es geht ihm wahrscheinlich mehr darum die Menschen zu warnen, steht doch letztendlich die Geste des Mahners hinter allen Dystopien – und nichts anderes ist der Artikel von Markus Günther!

Vielleicht geht es ihm aber auch noch um etwas anderes? Im letzten Drittel seines Artikels kommt Markus Günter auf die Menschen und damit auf uns Leser zu sprechen. Er schreibt:

Wenn aber weder die Bedürfnisse der Wirtschaft noch das Schulsystem die Alphabetisierung garantieren, fällt der Blick auf den einzelnen Menschen: Wollen wir nicht im eigenen Interesse weiterhin lesen und schreiben? Wird es nicht auch in Zukunft das Bedürfnis nach seriösem Journalismus, einem guten Buch, niveauvoller literarischer Unterhaltung geben?

Macht Herr Günther hier am Ende unterschwellig Eigenwerbung für den sogenannten „Qualitätsjournalismus“ à la FAS? Sei‘s drum, ich danke ihm jedenfalls für seinen zwar überspitzten, aber dennoch äußerst interessanten Artikel.

Soweit meine Meinung zu diesem Thema. Wie ist Eure Meinung dazu?

Kommentare:

  1. Ich fürchte er hat nur zu Recht. Ich arbeite seit dreißig Jahren als Projektmanager und Solution Architekt in der IT. Dabei musste ich leider feststellen, dass in der letzten Dekade die sprachlichen Fähigkeiten der Hochschulabsolventen auf ein erschreckendes Niveau abgesunken sind. Sie sind, nach Spezifikationssitzungen mit Kunden häufig kaum in der Lage den Sachverhalt vernünftig in Worte zu fassen. Meine Erfahrungen im privaten Umfeld mit Kindern aller Schichten ergeben leider auch kein besseres Bild. Sprachfähigkeit entsteht zunächst durch miteinander reden - wenn jeder vor seinem Mobile oder Computer oder als Kind vor dem Fernseher hockt, wird halt nicht geredet. Zu Stufe 2: lesen, kommt es dann häufig gar nicht mehr.

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  2. Hallo Pirandil,
    ehrlich gesagt bin ich auch der Meinung, dass die sprachlichen Fähigkeiten sehr zu wünschen übrig lassen. Es gibt viel mehr Analphabeten, als wir uns überhaupt vorstellen können. Wenn man alleine im eigenen Umfeld aufmerksam ist, wird man erkennen können, wie sehr diese Sprachlosigkeit Formen annimmt, es zählt nur mehr Handy, Computer, Facebook & Co. Kürzlich war ich in einem Kaffeehaus, am Nebentisch saßen 4 Jugendliche, ich würde sagen so 15 Jahre alt. Eine halbe Stunde habe ich diese beobachtet, es ist unglaublich, kein einziger dieser Jugendlichen hat nicht mindestens einmal eine SMS geschrieben, ein Foto gesucht, oder einfach im Internet gesurft. Der Wortschatz: Hey, hi, geil, mega, cool, krass wird nicht mal mehr in einfachste Sätze verpackt, sondern einfach in den Raum geworfen und ganz selbstverständlich erwartet auch niemand eine sinnvolle Antwort, echt?, geil? na so was? usw.usf.
    Was immer auch der Anlass dieses Journalisten war, ob Eigenwerbung oder nicht, ich muss ihm Recht geben, eine sehr interessante These.
    Lg Sadie

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  3. Hallo Sadie und Jürgen,

    vielen Dank für Eure beiden Kommentare, wie ich schon schrieb, auch ich gebe zu, dass die Argumente von Markus Günther nicht von der Hand gewiesen werden können. Vieles an seiner These trifft zu, dennoch, den Pessimismus kann und will ich nicht teilen. Gedichte und Geschichten, das schöne Wort um des Schönen Willen, all das gehört zum Menschen und wird nicht einfach so verschwinden, es darf einfach nicht verschwinden. Die Form wird sich ändern, sicher, aber es wird neue Wege für die Literatur geben, ganz bestimmt.

    Liebe Grüße

    Pirandîl

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  4. Eine Welt ohne Lesen? Gruslig und überhaupt nicht vorstellbar. Allein schon, weil Hören als Ersatz nicht ausreicht. Man stelle sich eine Straßenbahnhaltestelle ohne Fahrplan vor. Ansagen geht nicht, damit würde man anderen Fahrgäste belästigen. Auch in der Werbung lässt sich nicht alles ohne Worte darstellen.

    Ich finde sogar, dass sich durch die Technik die Möglichkeiten, Texte zu konsumieren, vereinfacht haben - in der Bahn kann man fernsehen, es gibt Blogs, jeder traut sich, seine Meinung kundzutun. Und besonders bei Blogs und Videos wird der Unterschied deutlich: Geschrieben kann ich einen Text überfliegen und bin in wenig Zeit sehr weit. Eine Tonspur muss ich spulen, weiß aber nicht, wann die relevanten Infos kommen.

    Was ich aber auch beobachte: Nur wenige Leute trauen sich, auf gutem Ausdruck zu bestehen. Ich habe eine Freundin, deren Rechtschreibung nicht so toll ist - es würde aber auch nichts bringen, darauf zu bestehen, weil sie nicht damit aufgewachsen ist. Man sollte den Menschen klarmachen, dass es um Verstehen geht - es nützt uns nix, ständig vage Sätze zu formulieren; viele Gefühle gehen dabei verloren.

    Andererseits entwickelt sich Sprache, und auch die Sprache eines Menschen entwickelt sich - dann kannes auch mal zu verkürzten Sätzen kommen.

    Wichtig ist, dass wir Sprache wieder ernst nehmen.

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    1. Hallo Evy und danke für Dein Statement,

      die Sprache sollte wirklich wieder ernster genommen werden, da stimme ich Dir absolut zu. Den Franzosen gelingt dies mit ihrer „Académie française“ sehr gut, ob wir in Deutschland am Ende eine vergleichbare Institution brauchen? Wer weiß, ich freue mich jedenfalls, dass das Thema tatsächlich zu einer kleinen Diskussion in meinem Blog geführt hat, es scheint doch einige Menschen umzutreiben.

      Liebe Grüße


      Pirandîl

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  5. Besten Dank, Pirandil, für diese herausfordernde Hypothese von M.Günther. Ich kenne das Phänomen der "Neuen Analphabeten" auch, aber ich denke, das wird nicht zu einem breiten Phänomen.
    Drei Gedanken dazu:

    Die meisten Leute sind sehr visuell orientiert, eine gewisse Oberflächlichkeit ist weit verbreitet. Bei den akustischen Methoden ist ein rasches scannen und selektives Lesen nicht möglich. Bei der zunehmenden Informationsflut bring das Lesen können zu viele Vorteile.

    Die Zeit, in welcher der "Kapitalismus" eine breite, ungebildete Basis brauchte, ist bei uns vorbei. In der Industrie übernimmt die Robotik die Aufgaben, die keine Bildung brauchen, in der Administration ist es die spezifische Software. Mitarbeiter ohne Lesekentnnisse haben es schon heute bei der Stellensuche sehr schwer.

    Das hingegen die Kultur des Schreibens wenig gepflegt wird, mag zutreffen. Selbst da steigen aber gleichzeitig auch die Ansprüche.

    Liebe Grüsse, Lukas

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    1. Hey Lukas,

      vielen Dank für Deine Einschätzung. Besonders den Zusammenhang mit der "zunehmenden Informationsflut" finde ich interessant.

      Liebe Grüße, Pirandîl

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  6. Ich denke auch, dass sich das Lesen und Schreiben nie ganz verabschieden wird. Nur die Form Qualität und Quantität werden sich verändern. Form: Es wird immer kürzer und assoziativer. Bestimmt auch primitiver. Qualität: Wenn die Masse nicht mehr an das Lesen gewöhnt ist, wird sie auch das bevorzugen, was sie auf Anhieb versteht. Das heißt, kurze Sätze, klare Aussagen, keine Denkarbeit. Nach diesem Prinzip verfahren auch viele erfolgreiche Autoren. Quantität: Dieser Bereich wird sich vergrößern, da immer mehr versuchen werden (jetzt schon versuchen) ihr Sinnen zu Papier zu bringen. Die Möglichkeiten scheinen auch grenzenlos. Jeder kann etwas schreiben und mit zwei Klicks mit der Welt teilen. Von daher spricht vieles dagegen, dass Lesen und Schreiben aussterben könnten. Sie verändern sich wie gesagt mit der Gesellschaft und das muss uns keine Angst machen. Außer wir sind über 80 und wollen und können uns nicht mehr auf die Neuerungen der Welt einlassen. Bei manchen setzt dieser Widerwille aber bereits viel eher ein.

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