Sonntag, 9. Februar 2014

Verlangen

Hier ist die Fortsetzung meiner Kurzgeschichte » Ein Schönes. Das offene Ende wird dadurch aufgelöst, doch eine andere Frage bleibt...

Verlangen


Als die U-Bahn wieder anfuhr, wurde die Musik plötzlich leiser. Die Töne verschwammen, wurden undeutlich und verzerrt. Tanja kramte das Handy aus ihrer Sporttasche, während die Musik in den Ohrknöpfen immer schwächer wurde. Als sie das Display des Telefons anschaltete, sah sie das Warnsignal der Batterie noch rot aufblinken. Dann wurde der Bildschirm wieder schwarz und die Musik in den Ohrknöpfen erstarb. Dieser beschissene Akku! Genervt riss sie sich die Kopfhörer aus den Ohren und stopfte sie zusammen mit dem Handy zurück in die Tasche. Dann streifte ihr Blick durch die Bahn.

Der Wagon war fast leer. Am Sonntagnachmittag ist es hier noch toter als sonst. Eine Bahn voller Toter. Weiter hinten kauerte ein Obdachloser in einem der U-Bahn-Sitze. Ein ekelhafter Typ! Wie kann man sich nur so gehen lassen. Tanjas Blick glitt weiter. Rechts von ihr in einer Türnische stand ein Mann und starrte in die dunkeln Fenster der Tür. Ob der mich immer noch begafft? Der Mann war älter als Tanja, ein Erwachsener eben. Als sie in die U-Bahn eingestiegen war, hatte er sie mit großen Augen angestarrt, dann aber hatte er sich abgedreht. Von wegen, der begafft mich im Spiegelbild der Fensterscheiben. Soll er doch. Sie hatte sich inzwischen daran gewöhnt, dass Männer ihr nachsahen, die Jungs in der Schule sowieso, aber auch Männer auf dem Bürgersteig. Es gefiel ihr, dass Männer sie sahen.

Die U-Bahn hielt, es war die Station „Industriegebiet“. Der Obdachlose stieg aus, die Arme beladen mit schmutzigen Plastiktüten voller Kram. Niemand stieg ein. Die Bahn fuhr weiter. Als nächstes kommt die Endstation. Tanja packte ihre Sporttasche und stand auf. Dabei fiel ihr Blick wieder auf den Mann in der Türnische. Er war größer als Tanja, schlank und hatte ein hageres, eingefallenes Gesicht. Eigentlich komisch, dass der auf mich steht, so wie ich hier rumlaufe. Sie kam vom Fußballspielen, hatte einen grauen Turnanzug an, die verschwitzten Haare waren zu einem Zopf zusammengebunden. Von meinen Brüsten kann er so nicht viel sehen. Ist wohl notgeil, der Typ.

Sie ging mit ihrer Tasche zur Tür – und sie ging absichtlich zu der Tür, die dem Hageren direkt gegenüber lag. Neben ihr und dem Mann waren jetzt nur noch zwei weitere Personen im Wagon, eine Frau und ein kleiner Junge. Tanja stellte sich vor die Tür. Durch die Dunkelheit des U-Bahn-Tunnels und das gelbe Licht der Lampen waren die Fenster wie Spiegel. Tanja sah den Hageren im Spiegelbild hinter sich stehen. Er hatte sich jetzt direkt zu ihr umgedreht und Tanja sah in seinem Gesicht das Wollen. Sie kannte diesen Blick.

Im Spiegelbild musterte Tanja den Hageren. Er war nichts Besonderes. Eine fantasielose, dunkelgrüne Jacke, eine fleckige schwarze Jeans, dazu das verfallene Gesicht, eine armselige Gestalt. Dann fuhr die U-Bahn ins Licht, die letzte Station war erreicht. Zischend sprang die Tür auf und Tanja stieg aus. Der Hagere folgte ihr.

Es waren nur wenige Menschen, die bis zur Endstation mitgefahren waren. Alle wandten sich nach rechts, der Treppe zu, die nach oben und zur Busstation führte. Tanja aber ging nach links. Sie wollte zu dem anderen Ausgang der U-Bahn-Station, denn dort hatte sie am Mittag ihr Fahrrad angeschlossen. Die Station war ein lang gestreckter Bahnsteig, Gleise auf jeder Seite. Der Weg zu Tanjas Ausgang war weit. Die leere U-Bahn fuhr an ihr vorbei und verschwand im Tunnel. Nun kam es Tanja vor, als wäre sie ganz alleine hier unten. Sie ging den leeren Bahnsteig entlang. Waren da nicht Schritte hinter ihr?

Doch, jemand ging hinter ihr. Als sie schließlich zu der Treppe am Ende des Bahnsteigs kam, sah sie in den Glastüren des defekten Aufzugs die gespiegelte Bahnstation. Auch der Hagere war zu sehen. Er folgte ihr.

Tanja stieg die Treppe hinauf und hörte hinter sich, wie der Hagere ebenfalls die Treppe hinauf kam. Sie dachte kurz an ihr Handy. Das bringt nichts. Der Akku ist leer. Sollte sie rennen? Sollte sie schreien? Wollte sie überhaupt schreien? Schließlich endete die Treppe bei einem kleinen Platz. Die Novembersonne ging gerade unter, weiter hinten waren die Wohnblocks zu sehen. Der kleine Platz mit den Fahrradständern lag einsam da. Die Straßenlaternen waren bereits eingeschaltet. Tanjas Fahrrad war das einzige, das dort stand. Niemand war zu sehen. Sie ließ die Sporttasche fallen und drehte sich um.

Sie stand nun am oberen Ende der Treppe und blickte hinunter. Der Hagere kam die Treppe hinauf. Als ihre Blicke sich trafen, blieb er stehen. Das Wollen in seinem Gesicht verschwand plötzlich. Überraschung machte sich breit, dann Angst. Tanja stand breitbeinig da und blickte ihn von oben herab an, die Arme verschränkt vor der Brust. Der Hagere zögerte kurz. Dann drehte er sich um und ging hastig die Treppe hinunter. „Du Schwächling“, kam es Tanja über die Lippen. Warum sage ich dass? Wie benommen stand sie einen Augenblick einfach nur da. Dann nahm sie ihre Sporttasche wieder auf und ging zu ihrem Fahrrad. Sie öffnete das Schloss, fuhr aber nicht gleich los. Und wenn er nicht stehen geblieben wäre?

Kommentare:

  1. Hm, lieber Pirandîl, gestern hatte ich dir hier einen Kommentar hinterlassen, der aber offenbar vom System geschluckt wurde. :( Erstmal: Das ist wieder eine ganz tolle, sehr schön erzählte und sehr fein formulierte Geschichte geworden. Du bist ein toller Schreiber, der immer wieder mit ungewöhnlichen Formulierungen überrascht, das gefällt mir sehr gut. Toll auch die komplizierten Themen, an die du dich immer wieder herantraust. Denn gerade diese anklingende Vergewaltigung ist ja ein ganz schwieriger Fall: Wenn es dazu gekommen wäre, wäre Tanja in irgendeiner Form "schuld" daran gewesen? Ich glaube nicht, dass du das sagen wolltest, aber was wäre die Message gewesen? Mädchen, seid lieber nicht zu vorlaut? Eine schwierige Frage, oder?

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    1. Hallo Dezembra,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Die Frage ist tatsächlich enorm schwierig, doch meine Antwort darauf wäre die folgende: Wäre der Mann nicht umgekehrt, er wäre es gewesen, der Schuld auf sich geladen hätte, denn er hätte eine Entscheidung getroffen. Tanjas Rolle ist hier eine ganz andere. Eines jedoch ist auch klar: Entscheidungen entstehen nicht aus dem luftleeren Raum heraus, sie entwickeln sich aus konkreten Situationen. Das entlässt den, der sich entscheidet, jedoch nicht aus der Verantwortung.

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  2. Lieber Pirandil,

    jetzt endlich finde ich die Zeit und die Muße, etwas zu deiner Fortsetzung zu schreiben. Mir gefällt der Perspektivenwechsel ausgesprochen gut, weil er die schöne Hülle, die du im ersten Teil beschrieben hast, plötzlich mit Leben füllt - und dieses Leben sieht erstaunlich anders aus, als ich als Leserin es durch die Augen deines Protagonisten imaginiert habe. Auch der Protagonist selbst bekommt plötzlich ein Gesicht. Er wirkt deutlich anders als durch die Innenansicht betrachtet.

    Die junge Frau überrascht. Sie ist sich ihrer Wirkung auf Männer sehr wohl bewusst. Ich kann gar nicht behaupten, dass sie mir sonderlich sympathisch wäre, aber mich beeindruckt, wie sie ihn am Schluss so beherzt konfrontiert und ihn damit offensichtlich aus dem Konzept bringt. Sie spielt das Opfer-Täter-Spiel nicht mit, durchkreuzt sein Drehbuch und bringt ihn damit aus dem Tritt.

    Natürlich liegt die Verantwortung für eine Vergewaltigung ausschließlich beim Täter. Weder aufreizende Kleidung noch provozierende Bemerkungen könnten einen derartigen Übergriff rechtfertigen.

    Ganz herzliche Grüße,
    Schattentänzerin

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    1. Hallo Schattentänzerin,

      vielen Dank für Deinen Kommentar, es freut mich sehr, das der Text Dir gefällt. Ich bin übrigens mit Dir einer Meinung, auch ich finde Tanja nicht sonderlich sympathisch. Sie war beim Schreiben einfach plötzlich da, und wie Du Dir sicher denken kannst, sie neigt nicht im Geringsten dazu, auf die Befindlichkeiten anderer Rücksicht zu nehmen...

      Liebe Grüße,
      Pirandîl

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