Dienstag, 14. Januar 2014

Meine Katze Sina

Eine junge Frau, die ich sehr schätze, obwohl ich ihr bisher nur im Internet begegnet bin, bat mich, ihr eine Geschichte zu meiner Katze Sina zu erzählen. Ich nehme dies zum Anlass, um ein Bekenntnis zu verfassen.

Meine Katze Sina


Ich werde Dir nun eine Katzengeschichte erzählen. Keine erfundene Katzengeschichte wie meine Erzählung » Die Weihnachtskatze, sondern eine wahre Geschichte. Es ist eine jener Geschichten, die Katzenhalter üblicherweise nur anderen Katzenhaltern erzählen – aus gutem Grund, denn hört ein Nicht-Katzenhalter eine solche wahre Katzengeschichte, so zieht er in der Regel ein verständnisloses Gesicht und hält seinen Gegenüber zumindest für ein bisschen bescheuert, wofür es genau genommen ebenfalls gute Gründe gibt.

Sina ist eine gereift Katzendame
und wie alle gereiften Damen ist sie
ein etwas komplizierter Charakter.
Meine Katze Sina kam als junges Tier zu mir und hat seitdem die letzten elf oder zwölf Jahre bei mir verbracht. Sie ist in Katzenjahren gerechnet also eine gereifte Dame und wie alle gereiften Damen ist sie ein etwas komplizierter Charakter mit einigen Spleens. Zu den Besonderheiten ihrer Katzen-Persönlichkeit gehört ihre haptische Begabung. Sina gebraucht ihre Pfoten mitunter als Werkzeug. Um dies mit einem Beispiel zu illustrieren, ich hatte früher einen alten Tintenstrahl-Drucker. Die Knöpfe, um ihn zu bedienen, waren auf der Oberseite angebracht. Sina nun fand es außerordentlich spannend, wenn der Drucker in Betrieb war und der Druckerkopf in dem halb durchsichtigen Gehäuse mit lautem Brummen hin und her sauste. Der Drucker hatte natürlich auch eine Test-Funktion, die man über einen der Knöpfe auf der Oberseite einschaltete. Betätigte man diese Funktion, so sauste der Druckerkopf einige Male hin und her und der Drucker spuckte ein mit kryptischen Zeichenfolgen bedrucktes Stück Papier aus. Eines Tages habe ich nun folgendes Beobachtet (und ich schwöre, es ist wahr): Sina stand auf dem Drucker, der sich wie immer im Standby-Modus befand. Sie fixierte den Druckerkopf und tapste dann mit einer Pfote versuchsweise auf den Knöpfen herum. Ihr Blick ging zurück zum Druckerkopf, der stand still. Also stocherte sie noch einmal mit der Pfote auf den Knöpfen herum und traf den richtigen Knopf: Der Druckerkopf summte und schnarrte hin und her! Dann war das kurze Schauspiel vorbei und der Druckerkopf stand wieder still. Sina starrte ihn kurz an – und stocherte erneut mit den Pfoten auf den Knöpfen herum.

Ich war beeindruckt. Meine Katze hatte anscheinend den Zusammenhang von Knopfdruck und Wirkung zumindest vom Ansatz her durchschaut. Etwas weniger beeindruckt war ich, als ich in der Nacht durch das Rattern meines Druckers geweckt wurde. Auch in den folgenden Nächten wurde ich einige Male durch das Schnarren und Brummen meines Tintenstrahldruckers aus dem Schlaf gerissen. Offensichtlich avancierte der Drucker zum beliebten nächtlichen Entertainment-Angebot meiner Katze. Schließlich musste ich etwas unternehmen. Da Diskutieren mit Katzen absolut sinnlos ist, blieb mir nichts anderes übrig, als den Drucker bei Nichtbenutzung durch meine Person komplett auszuschalten. Doch auch danach habe ich Sina noch einige Male dabei beobachtet, wie sie auf den Knöpfen herum tapste und darauf wartete, dass etwas passiert.

Bis hierher erscheint Dir die Fertigkeit meiner Katze, mit ihren Pfoten umzugehen, vielleicht nur als eine interessante, aber harmlose Anekdote. Ich dachte ähnlich, bis Sina mit fortschreitendem Alter einige neue Marotten annahm. Wie auch ältere Menschen, so ist auch Sina als gereifte Katzendame etwas unflexibel geworden. Sie hat beispielsweise die feste Ansicht entwickelt, dass es Punkt 06:00 Uhr Zeit für ihr Frühstück ist. Normalerweise ist das auch kein Problem, stehe ich doch in der Regel um 06:00 Uhr auf. Allerdings hält Sina überhaupt nichts von der Idee des arbeitsfreien Wochenendes und beharrt dementsprechend auch an eigentlich zum Ausschlafen geeigneten Tagen auf ihrem 06:00-Uhr-Termin. Ich kannte einmal einen Kater, der seinen Menschen mit Schurren weckte. Eine unglaublich raffinierte Taktik, denn wer von sanftem Katzenschnurren geweckt wird, der ist so milde gestimmt, dass er alles tut, was das Tier will. Sina geht anders vor.

Ich hatte früher kein Bettgestell, sondern schlief einfach auf einer Matratze auf einem Lattenrost. Mein Bett war dementsprechend ziemlich flach und der Nachttisch höher als das Bett. Sina verfiel auf die Methode, sich auf den Nachttisch zu setzen um dann von oben herab miauend ihr leichtes Hungergefühl mitzuteilen. Möglicherweise war es einfach nur eine Übersprunghandlung der Katze, ich habe jedoch den Verdacht, dass Absicht dahinter steckte: Das Miauen flankierte Sina irgendwann, indem sie anfing, mit ihren Pfoten Gegenstände von meinem Nachttisch herunter zu schmeißen. Abhängig davon, wie schnell ich wach wurde, fegte sie entweder nur eine Packung Taschentücher von der Tischplatte, oder aber nicht nur die Taschentücher, sondern auch das Buch, in dem ich am Abend zuvor gelesen hatte, wie auch der Wecker wurden über die Kante des Nachttischs gen Boden befördert. Nun kann man Gegenstände nicht nur in eine Richtung von einem Nachttisch herunter schmeißen. An einem Sonntagmorgen wurde ich schließlich von Sina geweckt, indem sie mir mit renitentem Miauen den kleinen batteriebetriebenen Wecker an den Kopf schmiss!

Inzwischen habe ich mir einen Bettkasten mit Schublade angeschafft, wodurch nun Matratze und Nachttisch auf einer Ebene sind. Sina weckt mich natürlich immer noch, aber zumindest werde ich nicht mehr von meiner Katze mit harten Gegenständen beworfen. Seit der sonntäglichen Attacke auf mein schlafendes Haupt ist Sina übrigens noch ein Stück älter geworden, weshalb sie seit neuestem manchmal ihren Frühstückstermin verschläft. An solchen Tagen schlafen wir dann gemeinsam aus.

Du hast den Text bis hierher gelesen? Dann bist Du entweder ein aktiver oder ehemaliger Katzenhalter, der genau weiß, wovon ich spreche, oder aber Du bist ein Nicht-Katzenhalter mit sehr viel Durchhaltevermögen. Der Katzenhalter weiß es, dem Nicht-Katzenhalter muss ich noch sagen: Trotz, oder besser gesagt gerade wegen ihrer Marotten und Spleens, wegen ihrer egoistischen Einstellung und ihrer schwierigen Persönlichkeit liebe ich meine Katze. Vielleicht ist es eine milde Form des Masochismus, aber ich empfinde das Zusammenleben mit Sina als eine Bereicherung.

Für Anne, die gerade an einer wichtigen Arbeit schreibt, bei der ich ihr viel Erfolg wünsche. Ich hoffe, der Text konnte Dich erheitern.

Kommentare:

  1. Lieber Pirandîl, wieder mal ein sehr schöner Text von dir. Jeder Katzenhalter kennt ja diese kleinen "Problemchen". Unsere Katzen fressen zum Glück dann, wenn es etwas gibt, ohne sich zu beschweren. Aber ich habe gehört, es gibt Näpfe mit Zeitschaltuhr: Abends befüllt man ihn, macht ihn zu und gibt die Zeit ein - und um sechs Uhr morgen kann Sina ganz ohne dein Zutun speisen. :)

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    1. Hey Dezembra, vielen Dank, es freut mich, dass der Text Dir gefallen hat. Was Deine Katzen betrifft, sind sie noch jung? Wenn ja, lass mich Dich warnen, Sina war als junge Katze auch noch ziemlich gleichgültig, was Fresszeiten betrifft. Dieser Tick kam erst mit dem Alter :)

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  2. Eine wirklich amüsante Geschichte, lieber Pirandîl und zudem noch gut erzählt. Ich sehe Sina förmlich auf dem Nachtisch sitzen und wie eine Diva mit Gegenständen um sich werfen ;-)
    Liebe Grüße von Felina, die sich beim Lesen an das hier: http://youtu.be/w0ffwDYo00Q erinnert fühlte...

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    1. Hey Felina, ich liebe Simon's Cat, es steckt so viel Wahrheit darin :)

      Vielen Dank und liebe Grüße, Pirandîl

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