Montag, 25. Juli 2016

Arbeitnehmer-Song

Der Chor der Arbeitnehmer tritt auf, jeder Sänger trägt eine weiße Maske vor dem Gesicht. Unverständlich murmelnd stellen sich die Chormitglieder langsam am Ende der Bühne in einer Reihe auf. Nur vereinzelt und zusammenhangslos sind einzelne Begriffe zu verstehen: „Zeitarbeit“, „Niedriglohn“, „Humankapital“,  „Leistung“, „Effizienzsteigerung“. Ein Solist tritt aus dem Chor heraus und geht zum vorderen Rand der Bühne. Dort angekommen nimmt er die Maske vom Gesicht, der übrige Chor verstummt. Der Solist deklamiert: 

Gib Geld, gib Geld und kaufe mich,
den Karren zieh ich durch den Dreck,
und bin ich müde, wirf mich weg.

Ich brauch' nicht viel, bin gerne klein,
ich bin Legion und stets bereit,
Ersatz für mich ist nimmer weit.

Benutze mich, ein Menschending,
entfremdet, einsam und allein,
ich will so gern dein Sklave sein;

doch wankst du einst,
dann fress' ich dich!

Und brennen wird die ganze Stadt ...

Aus: Katechky, Ivan: „Viola und das Lamm. Fragmente eines neoliberalen Lustspiels“, Holzkopf-Verlag 2015.