Dienstag, 22. Mai 2018

Rosa Akelei in meinem Garten

Heute einfach nur ein Foto, es ist wieder die Akelei, die ich auch vor Kurzem mit einem Gedicht besungen habe (» Der rosa Akelei Blüte). Ich liebe diese Blumen einfach ...
Eine Akelei blüht in Rosa, © Pirandîl

Dienstag, 15. Mai 2018

Ein Drache

Der Ritter verbarg sich und spähte vorsichtig hinter der kleinen Steinmauer hervor. Der Drache lag still auf seinem Platz und rührte sich nicht – er wartete. „Es wird ein harter Kampf werden“, flüsterte der Ritter leise zu seinem Knappen. „Wir werden es schaffen“, war die Antwort des Freundes. Ihre Hände schlossen sich fester um die Griffe ihrer Plastikschwerter. „Bereit“, fragte der Ritter. Der Knappe nickte: „Bereit“ Die Augen der beiden Jungen glühten, dann reckte der Ritter sein Schwert empor und stieß einen gellenden Kriegsschrei aus.

Ein Drache. © Pirandîl
Fünf Jahre später war Daniel wieder auf dem Spielplatz. Die kleine Steinmauer war immer noch da, auch der Drache lag noch auf seinem Platz. Bunte Steine bedeckten die Figur, doch an einigen Stellen waren sie abgeplatzt. Waren sie früher auch schon fort gewesen? Daniel wusste es nicht. Irgendwer hatte mit der Sprühdose ein Zeichen auf der Drachenmähne hinterlassen. Das Sonnenlicht fiel durch die Blätter der Bäume, der Platz lag im Schatten, doch überall waren Lichtflecken. Eigentlich sieht er ganz nett aus, dachte Daniel, als er den Drachen betrachtete. Das Ungetüm schien sogar zu lächeln, das war ihm früher nie aufgefallen. Unschlüssig trat der Junge auf der Stelle. Schließlich lehnte er sich an die kleine Mauer und steckte die Hände in die Jackentaschen. Seine rechte Hand berührte das Messer.

Mit dem Schrei des Ritters waren die beiden Jungen aufgesprungen und hinter der Mauer hervor gestürmt. Der Drache, eigentlich leblos aus Zement geformt und auf seinen Platz gebannt, war in ihrer Welt nun zum schreienden Monster geworden, das sich auftürmte, das den zahnbewehrten Rachen aufriss und Wolken aus Feuer aus seinem Maul spie. Der Ritter und der Knappe hatten gekämpft wie die Löwen, erinnerte sich Daniel an sein 9-jähriges Ich. Damals war alles einfacher gewesen. Er stand immer noch vor dem Drachen, die Hände in den Jackentaschen vergraben. Die rechte Hand umschloss nun das Messer. Schließlich holte er es heraus und sah es an. Es war keines von diesen Spielzeugen mit Lupe, Zahnstocher und Korkenzieher, sondern ein richtiges Messer. Er hatte es Sven abgekauft, der es aus Polen mitgebracht hatte. Es war ein Springmesser. Man musste nur auf einen Knopf drücken und die Klinge klappte automatisch aus dem Griff heraus und stand fest. Wollte man sie zurück in den Griff klappen, musste man wieder auf den Knopf drücken, um die Sperre zu lösen. Daniel hatte häufig geübt, das Messer zu ziehen, manchmal sogar vor dem Spiegel, wenn seine Eltern nicht da waren. Das metallische Klacken, wenn die Klinge heraus sprang, war ein mächtiges Geräusch. Doch als er nun auf den Knopf drückte, empfand er keine Befriedigung. An der Klinge klebte Blut.

Sie waren schon in der Pause auf dem Schulhof aneinander geraten. Daniel kannte den Anderen nicht mit Namen, er wusste nur, dass der Junge ein Jahr älter sein musste, denn er war in der neunten Klasse, einen Jahrgang über Daniel. Der Neuntklässler war dafür bekannt, dass er gerne Streit suchte. Ein Lehrer hatte sie schließlich getrennt, aber nach der Schule auf dem Heimweg waren sie sich wieder begegnet. Ob der Neuntklässler ihn gesucht hatte oder ob Daniel ihm nur zufällig begegnet war, was machte das schon? Oder habe ich ihn gesucht? Er blickte von der blutverschmierten Klinge auf und betrachtete wieder den Drachen. Damals, als Daniel noch Ritter gewesen war, hatten sie den Kampf natürlich gewonnen. Er und Sven waren den Klauen des Ungeheuers ausgewichen. Sie hatten mit ihren Holzschwertern auf die Schuppenhaut des Drachen eingeschlagen und schließlich, im alles entscheidenden Moment, hatte Daniel mit einem kühnen Schwertstreich das Herz des Ungeheuers durchbohrt. Heute war es anders gewesen. Er wusste nicht mehr, ob er oder der Neuntklässler den Kampf wieder begonnen hatte. Er konnte sich nur erinnern, dass der andere ihn gepackt und geschlagen hatte, dass plötzlich irgendwo von weit her das metallische Klacken erklungen war. Das Messer war in seiner Hand gewesen. Die beiden Jungen hatten für einen grauenhaften Moment vor einander gestanden: Der Arm des Neuntklässlers war blutig gewesen. Daniel hatte das Blut gesehen und dann das Gesicht des Jungen, bleich, erschrocken, die Augen aufgerissen und starr; dann war Daniel weggerannt.

Er war einige Zeit ziellos umher gelaufen, nachhause konnte er jetzt nicht gehen, noch nicht. Schließlich war er beim alten Spielplatz angekommen. Hatte er das Messer eigentlich schon am Morgen in die Jackentasche gepackt? War es nicht ursprünglich im Rucksack gewesen? Doch, so war es, und ich habe nicht auf seinen Arm gezielt. Er dachte wieder an das Gesicht des Neuntklässlers, diese erschrockene Grimasse. Dann fragte er sich, wie sein eigenes Gesicht nun aussah?

Die Kurzgeschichte ist schon einige Jahre alt, sie gehört zu der Reihe "Graustufen", die insgesamt sieben kurze Prosatexte umfasst.